Über die Sehnsucht zu tanzen Marianne Früh im Interview mit Anette Mack für VezT e.V. (Verein zur Förderung des zeitgenössischen Tanzes Rhein Neckar) November 2009 Marianne Früh arbeitet seit Ende der 1990er Jahre als Tanzpädagogin und Choreographin in Heidelberg, Schwetzingen und Plankstadt. Sie steht in der Tradition des zeitgenössischen Tanzes von Rudolf von Laban (Ausbildung in der Lola Rogge Schule Hamburg und bei der Tanzakademie Rotterdam). Am 15. 11.2009 gibt Marianne Früh im Schwetzinger Palais Hirsch im Rahmen einer Veranstaltung von KIS (Künstlerinitiative Schwetzingen) e.V. eine Einführung in das Werk der in diesem Jahr verstorbenen international renommierten Tänzerin und Choreographin Pina Bausch, die früher auch in Schwetzingen engagiert war. Dazu zeichnet sie in Form von kommentierten Filmausschnitten ein lebendiges Bild dieser faszinierenden Künstlerpersönlichkeit. VezT: Der Tod von Pina Bausch im Sommer 2009 hat nicht nur die Menschen der Tanzszene sehr berührt. Nun plant die Künstlerinitiative Schwetzingen KIS mit Dir einen Vortrag mit Filmsequenzen über Pina Bausch. Welche Verbindungen gibt es von Deiner Arbeit als Tänzerin, Pädagogin und Choreographin zu Pina Bausch? M.F.: Als ich im Jahr 1980 zum ersten Mal das Stück „Kontakthof“ von Pina Bausch in Hamburg sah, war ich sehr beeindruckt von ihrer Ehrlichkeit, mit der sie die Themen auf die Bühne brachte. Da war kein Versteckspielen im Tanz. Das gefiel mir. In allen Stücken, die ich gesehen habe, habe ich immer die Verbindung von Tanz auf höchstem Niveau, in einer sehr modernen Tanzsprache, bei gleichzeitigem expressiven und emotionalen Ausdruck wahrgenommen. Pina Bausch war und ist mir ein großes künstlerisches Vorbild; vor allem im Hinblick auf ihre Bilder, ihre Bewegungen, ihre Musikwahl ,das Element der Sprache und das Bühnenbild. VezT: Welche Choreographen dienen Dir als Vorbild? M.F.: Die Werke von Alain Platel, Sasha Waltz, DV8 Physical Theatre, Anne Terese Keersmaker und Martin Schläpfer berühren mich sehr. Die belgische Choreographin Anne Terese Keersmaker ließ jüngst ihre Company zwei Stunden ohne Musik auf der Bühne tanzen. Das Thema Stille ist auch hier ein aktuelles Thema. Und es ist egal, woher die Tänzer kommen und leben, ob in China, Israel, Slowenien oder Deutschland. Es sind ähnliche Themen, die uns berühren. Das finde ich spannend. VezT: Wohin steuert der zeitgenössische Tanz heute? Was sind die großen Themen? M.F.: Der zeitgenössische Tanz ist geprägt durch permanente Veränderung und Erneuerung. Ich sehe einen Trend zu mehr Tanz und weniger Schauspiel. Technisch gesehen bewegen sich die jungen Tänzer und Tänzerinnen auf sehr hohem Niveau . Sie beherrschen sowohl die klassische als auch die zeitgenössische Tanztechnik Darüber hinaus sind echte Persönlichkeiten auf der Bühne gefragt. Große Themen, wie die Liebe sind wieder ganz aktuell. VezT: Du hast im Jahr 2003 „Die Roten Flügel“, Schule für zeitgenössischen Tanz ins Leben gerufen. Seit über acht Jahren arbeitest Du mit Jugendlichen und Kindern. Was ist die Herausforderung für Dich in der Arbeit mit Jugendlichen? Marianne Früh (M.F.): Ich möchte Jugendliche heute mit dem zeitge-nössischen Tanz in seiner Vielfalt begeistern, in ihnen Körperbewusstsein und Sensibilität wecken und sie darin schulen, auch an ungewöhnlichen Themen, wie zum Beispiel dem Thema Stille zu arbeiten. Ich möchte sie begeistern für einen Tanz, der verschiedene Möglichkeiten des Ausdrucks bietet, auch durch Einbeziehung von Theater und Musik. Es macht mir Freude, gemeinsam mit den Jugendlichen ihre Vorstellungen anzuschauen, mit ihnen darüber zu diskutieren, was sie gesehen haben, was ihnen gefallen und nicht gefallen hat und ihre Fragen zu beantworten. Mit Freude lernen, das ist mir wichtig und dass sie diese Freude aus dem Unterricht des zeitgenössischen Tanzes in den Alltag mitnehmen. VezT: Wie lange bleiben die Jugendlichen an der Schule der „Roten Flügel“? M.F.: Das ist unterschiedlich. Sie bleiben bis zum Abschluss ihrer Schulausbildung, wenn es gelingt sie achtsam in der Pubertät zu begleiten. Es gibt Jugendliche, die bereits zehn Jahre mit mir tanzen. VezT: Was macht der Nachwuchs? M.F.: Die Drei- bis Sechsjährigen sind nach wie vor wunderbar offen für den kreativen Kindertanz. Sie gehen mit in alle Phasen des Ausprobierens, brauchen keine strengen Vorgaben, sie möchten aber klar geführt werden. Die älteren Kinder zehren lange von den Erfahrungen, die sie als kleines Kind im kreativen Tanz erleben durften und wollen dann Mitspracherecht in den Choreografien. Sie gestalten Räume und entwerfen Kostüme. Sie transportieren diese Kreativität auch in die Schule und sind zum größten Teil gute Schüler. VezT: Welche Momente in Deiner Arbeit sind Dir die liebsten? M.F.: Die kreativsten, schöpferischen Momente, das Empfinden und Erspüren, dass ich plötzlich das sehe, was ich finden möchte im Tanz und im Körperausdruck. Wenn ich erlebe wie die TänzerInnen stimmig ihre Bewegungen erleben und zum Ausdruck bringen und wenn ich sehe, dass sie an ihrer Sache ganz dicht dran sind. Dann bin ich glücklich. VezT: Was bedeutet „leicht“ für Dich im Tanzen? M.F.: Leicht ist das Gegenteil von schwer. Ich erfahre und lehre Leichtigkeit im Bewegen, im Ausdruck mit meinem Körper, im Yoga üben, in meinem Lachen. Vor allem aus dem Yoga schöpfe ich Kraft, Atem, aber auch Leichtigkeit. Schön ist, wenn ich Menschen mitnehmen kann in die Leichtigkeit und in die Achtsamkeit mit sich selbst. Die Aufmerk-samkeit auf sich selbst richten, das heißt nicht, egoistisch durch die Welt gehen, das heißt nur, bei sich bleiben können und für sich sorgen. Und es bedeutet zugleich, bereit sein für andere. VezT: Vor Deiner Zeit in Plankstadt und Schwetzingen warst Du in Europa unterwegs, zunächst als Tänzerin, dann als Choreographin. Du hast damals ausschließlich mit Erwachsenen gearbeitet. Im Frühjahr 2009 hast Du mit dem „Candide“ Projekt die Arbeit mit Erwachsenen wieder aufgenommen. Was war Deine Motivation hierzu? M.F.: Menschen, die bereit sind und offen sind für meine Arbeit, treffe ich nicht täglich. Die Entscheidung, mit Erwachsenen zu arbeiten hängt stark davon ab, wer mir begegnet und wer meine Bilder erfüllen kann. Ich arbeite am liebsten mit Menschen, die Tanz und Körpererfahrung mitbringen, aber keine professionellen Tänzer sind. Sie haben für mich das Leben in sich und das ist es, was mich interessiert. Und es interessiert mich die Frage: Was bewegt Menschen sich zu bewegen? Die Künstlerinitiative Schwetzingen KIS, in der ich Gründungsmitglied bin, hatte für das Frühjahr 2009 eine Ausstellung zu Voltaires „Candide“ im Palais Hirsch konzipiert und mich gefragt, ob ich die Ausstellung durch Tanz bereichern möchte. Das war der Impuls dazu, ein Stück mit Erwachsenen zu inszenieren, und ich habe eine 20-minütige Performance mit fünf Tänzerinnen erarbeitet. VezT: Hat sich Deine Arbeit als Choreographin verändert? M.F.: 1984 machte ich meine erste Choreografie in Hamburg mit sieben TänzerInnen. Sie hat den Titel, „darum tanzen“. Sieben Persönlichkeiten zeigten, wieso sie Tanz als ihre Passion erleben. Diesem Thema bin ich in all meinen choreografischen Jahren treu geblieben. Meine Stücke beginnen oftmals mit einer Idee oder einem Gedanken, der sich dann im Laufe der Arbeit weiter entwickelt, formt und schließlich gestaltet in Tanz oder Tanztheater. Die Ideen für die Stücke und die Stücke selbst sind natürlich völlig unterschiedlich. Neue Medien wie der Film sind dazugekommen. Auch die Zusammenarbeit mit Live Musikern ist inspirierend. VezT: Was bewegt Dich zur Zeit? M.F.: Mein neues Tanztheaterstück befindet sich gerade im Entstehungsprozess. Es heißt „Die Sehnsucht nach der Stille“. Es zeigt meine Freude daran, mit verschiedenen Generationen zu arbeiten. An dem Stück wirken kleinste Kinder und Menschen über 50 Jahre mit. Thematisiert wird unter anderem die Verführung durch die neuen Medien, neue Kommunikationsformen sowie die Geschwindig-keit, mit der Nachrichten übermittelt werden und im Kontrast dazu, die unglaubliche Suche nach Erholung, nach Stille, die Sehnsucht nach Ruhe und die Bedeutung des kindlichen Spiels. VezT: Du arbeitest in dem neuen Stück mit Laientänzern, mit Jugendlichen, die schon länger tanzen und mit einer Gruppe passionierter Tänzerinnen mit unterschiedlichen Tanzerfahrungen. Dabei entstehen ungewöhnliche aber spannende Geschichten. Worin besteht für Dich der Reiz dieser Arbeit? M.F.: Mit dieser Vielfalt und diesem Reichtum ein Stück zu entwickeln, das ist der Reiz und die Heraus-forderung. Alle Menschen haben das Potenzial zu tanzen, Musik zu empfinden, sich berühren zu lassen. Ich möchte die Menschen berühren, die Akteure und die Zuschauer. Und ich glaube diese Art zu inszenieren bringt ein gutes Stück Authentizität auf die Bühne. ---------------------------------------------------------------------------- VezT e.V. - Verein zur Förderung des zeitgenössischen Tanzes Rhein-Neckar e. V. Der »Verein zur Förderung des zeitgenössischen Tanzes Rhein-Neckar e. V.« – kurz VezT – wurde im Jahr 2008 gegründet, um den zeitgenössischen Tanz in der Metropolregion Rhein-Neckar Raum zu geben und diese kreative und vielseitige Kunstform zu fördern. VezT fördert als gemeinnütziger Verein den zeitgenössischen Tanz in unterschiedlicher Weise. Um Kindern und Jugendlichen diese Ausdrucksform näher zu bringen, beteiligt sich VezT zum Beispiel an kommunalen Ferienprogrammen in der Region. Außerdem tritt VezT als Veranstalter von Performanceprojekten auf, um einem breiten Publikum die Freude am zeitgenössischen Tanz zu vermitteln. Viele Kinder und Erwachsene vernachlässigen heute in der schnelllebigen und hektischen Zeit den Kontakt zu sich selbst in und sind nicht in der Lage, Kraft aus sich selbst zu schöpfen. Der Verein sieht die Aufgabe des zeitgenössischen Tanzes unter anderem darin, hierzu einen Gegenpol zu schaffen und sich bewusst einem körperorientierten, achtsamen und künstlerischem Ausdruck zuzuwenden. www.vezt.de Termine „Die Sehnsucht nach der Stille“ 13.03.2010 Rudolf Wild Halle Eppelheim 14.03.2010 Rudolf Wild Halle Eppelheim 20. und 21. 03.2010 Zwinger 3 Heidelberg 24.04.2010 Freie Hochschule Mannheim